Dans Impulse 2015

"Verflixte Nähe", "Murmu and Still"

Theater Augsburg

Jahr: 2015

Choreografie: Georg Reischl, Stephen Shropshire

Bühne u. Kostüme: Stefan Morgenstern

Foto: Nik Schölzl

Tänzerische Freiheiten

Kurzweilig: Das Theater Augsburg zeigt den dreiteiligen Ballettabend „Dans Impulse“

Augsburg (DK) Ein Ballettabend, drei Choreografen, drei Choreografien, drei sehr unterschiedliche Ansätze. Wenn man fragt, was das Gemeinsame von „Dans Impulse“ am Theater Augsburg ist, stößt man zunächst auf den Wirkungsort der Choreografen: Marco Goecke, Georg Reischl und Stephen Shropshire arbeiten oder arbeiteten in den Niederlanden.
Die eigentlich Klammer des heterogenen und kurzweiligen Abends ist aber der Arbeitsstil der drei: Sie beziehen die Tänzer stark in die Konzeption und Entwicklung der Choreografien ein und geben ihnen große Freiheiten.

(…)
Ein Forscher ist auch Georg Reischl, nur geht es ihm in „Verflixte Nähe“ um Paarbeziehungen und ihre Modi. Rund um Paolo Nutinis „Someone like you“ und andere Songs bespielen die sechs Tänzer die Möglichkeiten von Nähe und Ferne, durchaus mit augenzwinkernder Freude am leicht Kitschigen der 50er-Ästhetik, die Reischl zitiert. Eine schöne Idee von Stefan Morgenstern (Bühne): zwei Stühle, der eine riesig hoch, der andere normal, die sich im Lauf der Aufführung angleichen. Das alles hat nicht die Wucht von „Peekaboo“, gefällt aber durch atmosphärische Dichte und große Tanzfreude.
Ein Kontrapunkt dazu ist wiederum Stephen Shropshires „Murmur and Spill“, eine strenge, abstrakte Choreografie, die modernes Tanztheater und klassische Formen miteinander verbindet. Die Bühne ist karg und offen, ein Holzboden, eine Lichtquelle und eine blaue Wand. Shropshire und Morgenstern haben sich dazu von einem Museumsraum anregen lassen. Das Stück ist inspiriert von Albrecht Dürers „Melancholia I“ und basiert auf 16 tänzerischen Phrasen, die von den Tänzern mitgestaltet wurden. Zusammen mit der schwebenden Transzendenz von „Lament“, einem Stück des zeitgenössischen Komponisten Zbigniew Preisner, wird hier Tanz zur mathematischen Meditation, eine kleine, fordernde Feier der reinen Form, die sich der Interpretation verweigert und damit Kunst in dem Sinn ist, den Susan Sontag einst in ihrem Essay „Gegen Interpretation“ postulierte: Ein formales Gebilde, das einfach nur ist und das auch sein darf.

Berndt Herrmann / Donaukurier