Gegen die Liebe

Theater Chemnitz Schauspiel

Jahr: 2015

Regie: Silke Johanna Fischer

Bühne u. Kostüme: Stefan Morgenstern

Foto: Dieter Wuschanski

Einladung ins Kuriositätenkabinett

Sieben Szenen über die Liebe sorgen im Chemnitzer Schauspiel für einen skurrilen Abend voller Überraschungen.

Chemnitz. Ein großes Bett dominiert den Raum. Was sonst? Geht es doch um das größte und schönste Gefühl, das wir kennen. Wirklich? Das Stück, das am Freitagabend im Ostflügel des Chemnitzer Schauspielhauses Premiere hatte, lässt Zweifel an dieser Aussage zu. Die sieben burlesken Dramolette von Esteve Soler, die hier zu erleben sind, werden schließlich unter dem Titel „Gegen die Liebe“ geführt. Und dass dies kein gewöhnlicher Theaterabend wird, offenbart sich bereits, wenn man den ansonsten kargen Raum der eher für experimentelles Theater vorgesehenen Bühne betritt. Da landet man ganz unvermittelt in einer Art Kuriositätenkabinett (Ausstattung: Stefan Morgenstern), vollgestopft mit allerlei Dingen, die keine sinnfällige Verbindung untereinander erkennen lassen, geschweige denn eine zeitliche Zuordnung. Zu schauen gibt’s jedenfalls genug, die Neugier hat reichlich Nahrung. Und es bleibt spannend – die ganze Inszenierung über (Regie: Silke Johanna Fischer). In mehr als einem halben Dutzend Ländern kam „Gegen die Liebe“ schon auf Spielpläne. In Chemnitz erlebte die Szenenfolge nun ihre Deutsche Erstaufführung.
„Hab mich lieb“ schnurrt eine männliche Gestalt schon, da suchen sich die Zuschauer noch ihre Plätze. „Hab mich lieb“ – immer wieder, in verschiedene Richtungen. Die eckigen Bewegungen des Automaten werden zusehends langsamer und ersterben. Hier müsste einer neu aufziehen, damit die Floskel erneut zu hören wäre. Tut aber keiner. Warum auch? Der folgende Geschichtenreigen erzählt ja von dem, was nicht so funktioniert in Sachen Zweierbeziehung: Ein Bauer macht einer Prinzessin einen Heiratsantrag, und die willigt erstaunlicherweise ein. Zuvor aber verlangt sie einen unglaublich grausamen Liebesbeweis. Eine Frau wird ihren Ex nicht los. Der hat sich unter ihrer Haut verschanzt. Ein Paar streitet, und die Frau zerspringt in Scherben, die aufgekehrt werden müssen. Zwei Astronauten sind nicht nur in den sperrigen Anzügen in ihren Bewegungen eingeschränkt, sondern auch in ihrer Kommunikation. Sagt da jemand was? Hört da jemand zu? Lebt da wer noch?
Was ist nicht schon alles über die Liebe geschrieben, gesagt, gesungen, gemalt worden? Und eigentlich hat Esteve Soler dem nichts Neues hinzuzufügen. Trotzdem leuchtet er überraschend anders hinein in das Wirrwarr der Paar-Gefühlswelt – ohne Euphorie, aber mit Melancholie. Gewohnte Abziehbilder haften hier nicht und machen den Blick auf die dunklen Seiten der Liebe frei. Magda Decker, Bianca Kriel, Grégoire Gros und Fabian Jung sind in schnell wechselnden Rollen gefordert – einsam, grausam, schrill, manipulativ, rätsel- oder schmerzhaft, traurig oder wütend sind ihre Figuren.
Für diesen surrealen wie anregenden Abend gab es viel Beifall.
Das Stück
Esteve Soler behandelt in sieben burlesken Dramoletten verschiedene Seiten der Liebe zwischen Mann und Frau. Der katalanische Autor reißt mit den skurril-humorvollen Szenen den unverbesserlichen Romantikern allerdings die rosarote Brille von der Nase. „Gegen die Liebe“ ist Teil einer Trilogie, zu der auch „Gegen den Fortschritt“ und „Gegen die Demokratie“ gehören. 

(ut) Freie Presse