Zar Wasserwirbel

Theater Chemnitz

Jahr: 2015

Regie: Stefan Wolfram

Bühne u. Kostüme: Stefan Morgenstern

Musik: Steffan Claußner

Dramaturgie: René Schmidt

Foto: privat

Gewitzt gegen den Bösewicht

Walle Mähne, Plateau- Stiefel von mindestens 40 Zentimetern, böses Grinsen und fiese Attacken zeichnen Zar Wasserwirbel aus. Das Schauspielhaus Chemnitz zeigt eine starke Inszenierung des russischen Märchens.

So gut und bärenstark und aufrichtig der aus dem Krieg heimkehrende Soldat auch sein mag, so böse, hinterlistig und gefährlich ist sein Gegner ausgestattet. Jewgeni Schwarz hat in „Zar Wasserwirbel“ eine Konstellation geschaffen, die es Kindern leicht macht, sich ins Geschehen einzufühlen, Gut und Böse voneinander zu trennen und Partei zu ergreifen. Wobei das Böse faszinierend übermächtig schillert und sich auf Plateauschuhen zu wahrer Riesengröße aufbaut.
Ein Kraftmensch ist dieser Wasserwirbel, nicht zu unterschätzen ob seiner fiesen Lust an Intrigen. Die Chemnitzer Inszenierung von Stefan Wolfram macht Spaß, die Kinder der drei Dutzend Vorstellungen noch in diesem Jahr dürften mit den Märchenfiguren vor den Naturgewalten Wind, Sturm, Nebelschwaden und zu reißenden Strömen anschwellenden Wassern ordentlich mitzittern. Stefan Morgenstern (Bühne und Kostüme) führt das Publikum zunächst in einen finsteren, verlassenen Wald. Jeder Baum könnte ein zotteliges, waberndes, gespenstisches Wesen sein.
Kraft illustrer Bühnentechnik, die Windchen zum Sturm werden lässt, Wasser zur tosenden Welle aufschäumt, wird der Auftritt der dem Zaren treu dienenden Naturgewalten zur gefährlichen Armee, und der Sieg des tapferen Soldaten, des Kindes, seiner Mama und letztlich sogar der Prinzessin, die sich aus der Diktatur ihres Vaters befreien kann, groß und wesentlich.
Anrührend fallen ein paar einfache Tatsachen ins Gewicht: „Bin ich nicht schrecklich?“, dröhnt Wasserwirbel voll böser Lust. Und der Soldat hält Wacht, während alles schläft. Im Märchen funktioniert, was real gefährlich bieder wirken würde: Er riskiert was, spendet Frieden. Das ist ein wertvoller Hinweis an alle, die Fragen zum Militär heute haben: Die Verantwortung des Soldaten sieht dieses Märchen nicht darin, schrecklichen Krieg zu führen, sondern den Frieden herzustellen. Das ist ganz schön wichtig geworden in dieser Zeit. Grund gut und proper ausgestattet ist dieser Alltagsheld von Martin Valdeig, der sich dem exorbitanten Titelhelden entgegenstemmt. Musik gibt es auch: Zum „Säbeltanz“ aus „Gajaneh“ von Chatschaturjan muss Wasserwirbel tapsend tanzen und kann nicht mehr aufhören, weil ihn ein Zauber der „Gusli“ dazu zwingt. Das alles ist ganz schön russisch, kristallklar wie die „Schneekönigin“, wo aus einfachen Menschen Helden werden, weil sie über sich hinauswachsen. Die Märchen von Jewgeni Schwarz sind legendär. „Der Drache“ in der Inszenierung von Benno Besson am Deutschen Theater Berlin (1965) gehörte mit fast 600 Aufführungen zum Besten, was in der DDR zu sehen war, unvergessen bis heute.
Die Chemnitzer Inszenierung überzeugt mit Spielwitz fürs Böse, denn „Zar Wasserwirbel“ hat nicht zu viel Text, dafür eine eingängige Struktur. Marius Marx fächert dessen Charakter so breit als möglich auf, zelebriert den Unhold mit handwerklicher Vielfalt, überzeugt als Sprecher mit vielen Farben. Marx, der vormals in Chemnitz und Plauen-Zwickau engagiert war, ist hierfür der richtige Mann, voller listiger, frecher Sprüche und aggressiver, schlauer Häme. Diesen Gegner besiegt man nicht so leicht. Dass der Soldat es dennoch schafft, liegt an seinen Mitstreitern: Wanja hört auf sein Herz, die Prinzessin auf ihren Verstand. Dem hat seine Sumpfhoheit Zar Wasserwirbel Wasserstrahl Wasserhahn der Erste nichts mehr entgegenzusetzen. Der schlaue Bösewicht versinkt wie Rumpelstilzchen im Erdloch, er schmilzt dahin.

Freie Presse, Marianne Schultz
, 23.11.2015


„Märchenhafte Premiere

(…) im Schauspielhaus: Im diesjährigen Weihnachtsstück treibt ‚Zar Wasserwirbel‘ sein Unwesen und bringt das Publikum zum Lachen und zum Jubeln. 
(…) 
Der Soldat wird von Martin Valdeig intelligent, eloquent und sehr trickreich gespielt. (…) Marius Marx ist der mächtige Wasserzar. In seinem überdimensionalen Kostüm und mit seiner dusseligen Art dominiert er die Bühne. (…) 
Auch die russischen Ursprünge des Märchens von Jewgeni Schwarz kommen in der familiengerechten Inszenierung von Stefan Wolfram nicht zu kurz, sei es in den Kostümen, einigen russischen Worten oder in der Musik. Abgerundet wird das Stück durch ein fantasievolles Bühnenbild und märchenhafte Licht- und scharige Toneffekte. Otlitschno!* 
*Ausgezeichnet!“ 

Chemnitzer Morgenpost, Victoria Winkel 23.11.2015

Blubb blubb – очень хорошо!

Premiere im Rückblick: „Zar Wasserwirbel“ – heute Abend im Schauspielhaus. Schöner geht nicht. –

Beifall auf offener Szene: Seine Sumpfhoheit Zar Wasserwirbel Wasserstrahl Wasserhahn vertrocknet jämmerlich und geht in die ewigen Staubgründe (der Bühne) ein. Recht geschieht ihm. Sauhund Fresssack, elendiglicher.

Das Bühnenbild (und die Kostüme) von Stefan Morgenstern gehörten zu den Stars der Premiere von Jewgeni Schwarz‘ Märchen „Zar Wasserwirbel“  heute Abend im Chemnitzer Schauspielhaus.

Noch nie habe ich so viele fröhliche Menschen am Ende eines Theaterabends gesehen. Opas und Enkel, Tanten und Nichten, Mütter und Kinder. Und Etepete-Premiere-Abonnenten.
(…)
Da hat einfach alles zusammengepasst. Die märchenhafte Bühne, die herrlichen Kostüme – klasse, was Yvonne Beier da für Masken für Frosch, Karauschen-Karpfen, den Fuchs gezaubert hat.
Zottelig Wasserzwirbels Bart, ätherisch seine Himmelfahrt, staubig sein Ende. Und die Katze hinterm Küchenfenster schnurrt, das Kamin überm heimatlichen Herd raucht friedliche Wärme, und der Zar wird von den  eingeschlossenen Chatschaturjan-Säbeln im Zaubermusikkasten gejagt, während der friedliche Soldat keinen Säbel (mehr) führt. Und auch auch kein Gewehr braucht(schön!), dafür die Trommel als Anti-Zarohren-Kanone einsetzt, die jedes liebedienerische blubb, blubb übertönt.
Märchen, das zeigen Regisseur Wolfram und sein Team, müssen leicht sein, federleicht, aber sie dürfen nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Da muss alles passen, selbst die kleinste Kleinigkeit. Denn Kinder im Publikum sind die unerbittlichsten Kritiker. Und sie hinterfragen alles. „Welche mag es wohl sein?“, piepste eine Stimme in die Stille, da Wanja verzweifelt  die richtige unter den vernebelten Müttern sucht. Und sie findet. Kindesliebe geht nie fehl.


Jewgeni Schwarz hat kein furchtbares Märchen geschrieben, sondern eines, das Kinder schlafen und die Erwachsenen nachdenken lässt, dass Freundschaft, Willen und uneigennützige Hilfe alle Furcht überwinden können. Einsiedeler Bedenkenträgern sei es ins Stammbuch geschrieben.


Marius Marx ist in Chemnitz nicht vergessen (er war hier engagiert). Jetzt hat er sich mit dem Wasserwirbel erneut in die Herzen der Chemnitzer hineingespielt. Dieser hochmusikalische Schauspieler lässt seinen Absatz keinen Sekundenbruchteil zu spät oder zu früh auf die Bühne knallen, wenn seine schweren Schritte digital lautsprecherdröhnen. Er spricht auf Stelzen und mit Hall-Mikro genauso sauber (und gut oder böse, oder fies und überheblich) wie ohne. Er erzeugt Furcht und am Ende gar ein bisschen Mitleid (nicht nur bei den Kindern). Großartig.


Den so liebenswerten wie mutig furchtlosen Soldaten gibt Martin Valdeig schwejk’sch. Glatt, ehrlich, sauber – die richtige tenoral edle Gegenfigur zum vermoost überheblichen Wasserbass. 
Michel Diercks ist ein Wanja, wie ihn jede Mutter gern als Sohn hätte. Wie er für sie kämpft, wie er sie am Schluss ins Leben zurückholt und den Schleier des Wirbelnebels wegreißt, das ist groß, was Michel Diercks als Wanja, der Kleine, hier leistet.

Das haben wir über Jan Gerrit Brüggemann, den Frosch, den Fuchs, den Hirten – und dann den tanzenden Tisch gelacht. Tausendmal umziehen, und immer auf dem Punkt in der neuen Rolle perfekt sein – herrlich.


Ulrike Euen durfte als Wanjas Mutter nicht viel sagen – brauchte sie auch nicht. Sie war Mutter, wie man sich lieb Mutter vorstellt. Aber sie hatte ja noch ein paar weitere Rollen zu spielen, eine von zwei (choreografisch übrigens perfekten) Nebelschwaden, und auch einen Krebs (nochmal: die Kostüme waren klasse!)


Auch Stella Goritzki hatte mehr zu tun, als allein die liebenswertklugfreche Prinzessin zu spielen, diesen Menschenmuttergeborenen rebellischen Teenager. Vergessen seien auch nicht Paul-Louis Schopf und Pauline Schoenke. In den nächsten Aufführungen werden wir in diesen Rollen auch Shana Sophie Brandl, Christopher Schulzer und Magda Decker sehen. Sie werden es genauso gut machen. Denn über allem spürbar war die Lust aller Beteiligten, hier nicht ein Kinderstück herunterzuspielen, sondern Freude zu haben und Freude zu vermitteln. Guter Lauf des Schauspiels. Gutes Team.
 Dazu braucht es keine Video-Technik. Schön, dass es auch mal ohne geht. Wunderbare Bilder (wie der Soldat vor dem Sternenhimmel die ums Feuer gelagerten Schutzbefohlenen bewacht und viele andere) bleiben in Erinnerung. 
Technik sonst bedarf es einer ganzen Menge. Da ein Loch, dort ein Nebel, hier ein Gaze-Vorhang, dort ein paar Wellen. Und Verstärker zum richtigen Zeitpunkt. Die tanzende Säbel-Kiste – die Baumwegpalastverwandlung. Hut ab!
 Aber alles wäre nichts ohne Musik. Steffan (last but not least, der dritte der Stef(f)ani im Leitungsteam) Claußner wählt klug aus, was er da eingespielt und arrangiert hat – vom Hummelflug bis zum Kasatschok und zum quetschkommoden Abendlied am Lagerfeuer. Was es im Einzelnen war, unwichtig. Claußner hat Stimmung geschaffen, Atmosphäre. Mach das mal, dass es Jung und Alt ergreift! Das ist Können…
So. Schluss. Die Schauspieler mussten am Ende den Beifall abwinken. Tschüss… Morgen wieder. Und ständig in den nächsten Tagen. „Da will ich nochmal rein“, hingen die Kleinen am Rockzipfel der Großen. Und die hätte nichts dagegen. Spürbar.
schwärmerei? Von mir aus. Ich empfand es einfach очень хорошо. Als sehr gut.

Förderverein der Theater Chemnitz