Tod eines Handlungsreisenden

Schauspiel Chemnitz

Jahr: 2018

Regie: Carsten Knödler

Bühne: Stefan Morgenstern

Kostüme: Ricarda Knödler

Dramaturgie: Katrin Brune

Foto: Dieter Wuschanski

Dieser korrekt gekleidete Herr mit Bügelfalte in den Hosen, Mantel, Hut und Aktentasche verschwindet in seinem braunen Anzug optisch nahezu vor den ausgeblichenen Tapeten seines Heims. Wie klein dieser Willy Loman bereits auf den ersten Blick erscheint! Auch sein Haus wird förmlich erdrückt von den ringsum aufschießenden Wolkenkratzern. Stefan Morgensterns Bühnenbild und die Kostüme von Ricarda Knödler erzählen beinahe schon die gesamte Geschichte des Stücks „Tod eines Handlungsreisenden“, das (…) im Chemnitzer Schauspielhaus seine mit viel Beifall bedachte Premiere erlebte.
(…) Dirk Glodde steht (…) in Chemnitz im Fokus der Kleinbürgertragödie – und er ist eine Klasse für sich. (…)
Wie Glodde den Niedergang eines Mannes vorführt, der wegen Erfolglosigkeit von seiner Firma ausgemustert wird und sich daraufhin in Jugendillusionen und Erinnerungen an eine vermeintlich glückliche Vergangenheit verliert, das ist großartig gespielt. Verschiedene Zeitebenen und Träume werden geschickt mit der Haupthandlung verschnitten. Dieser Loman ignoriert sein Elend und die Tatsache, dass er seine Familie nicht mehr ernähren kann. (…) Er ist verzweifelt, verträumt, stur, fordernd, rechthaberisch, gnadenlos – Glodde zeigt auch das, was seine Figur nur allzu beflissen zu verbergen sucht.
Eigentlich werden ja zwei Geschichten erzählt: die des Turbokapitalismus, in dem der Mensch nur eine Rechengröße in den Effizienztabellen ist, und das Drama eines Mannes, der blind an Träumen festhält, die nichts mit der Realität zu tun haben, dessen Leben ein großer Selbstbetrug ist. Bei Regisseur Carsten Knödler neigt sich das Gewicht mehr zum psychologischen Charakterdrama als zur Sozialkritik. Dabei kommt er ohne allen Schnickschnack aus, weil er auf ein hervorragend agierendes Ensemble bauen kann. Neben Glodde in der Hauptrolle ist Katka Kurze eine Wucht. Wie sie Lomans Frau Linda gibt, die längst hinter die Fassade sieht und doch stoisch liebend zu ihrem Mann steht, das greift ans Herz. Und nicht minder glaubwürdig wird bei den beiden Loman-Söhnen deutlich, wie sich das Scheitern fortsetzen wird: Martin Esser zeigt Biff als Versager und Gelegenheitsdieb, der sich aufgegeben und erkannt hat, dass er wie sein Vater „Dutzendware“ ist. Nur noch einmal – wider besseres Wissen – versucht er einen mit Lügen verbrämten Neuanfang, um die Familie durchzubringen. Konstantin Weber ist als Happy der Luftikus in Person, der, wenn er schon nicht aufsteigen kann, die Frauen seiner Chefs verführt. Wolfgang Adam bildet als hilfreicher Nachbar und erfolgreicher Unternehmer einen sympathischen Gegenpol zu den Loman-Männern. Bis in die kleinste Rolle überzeugt das Ensemble. Carsten Knödler hebt mit seiner Inszenierung die Tragödie des Scheiterns auf eine fast zeitlose Ebene – gerade weil er den Bezug zur Gegenwart nicht ausstellt.
Uta Trinks Freie Presse 07.05.2018

(…) Carsten Knödlers Inszenierung zeigt nicht nur das Scheitern eines amerikanischen Traums. Sie ist vor allem die beklemmende Studie einer großen Lebenslüge, an die sich besessen geklammert wird und deren Tragik damit umso verheerender ist.
Großer Beifall – besonders für Hauptdarsteller Dirk Glodde.
(…)
Yvonne Friedrich „Morgenpost Chemnitz“ 07.05.2018

(…) Carsten Knödler inszeniert ‚Tod eines Handlungsreisenden‘ nah an Arthur Millers Text, das weggelassene ‚Requiem‘ am Ende des Dramas ist der einzig wirklich große Strich. Rückblenden sind eingebettet in den Handlungsstrang, die Familie verjüngt sich dann regelmäßig. Das gibt dem Ensemble Platz für Wandlungsfähigkeit: Die Familienmitglieder von Dirk Glodde als Willy über Katka Kurze als Linda bis hin zu Martin Esser und Konstantin Weber als die Söhne Biff und Happy Loman agieren dabei deutlich glaubwürdiger in der Rahmenhandlung, wo sich die Konflikte und Lügen der Vergangenheit endlich Bahn brechen dürfen.
Stefan Morgenstern hat eine Bühne geschaffen, die die Derangiertheit der Familie versinnbildlicht: Das Wohnzimmer beispielsweise ist vertikal an die Seitenwand montiert: Wenn Willy sich aufs Sofa legt für einen Moment der Ruhe, dann hängt er buchstäblich in der Luft. Und auch sonst stimmt so einiges in dieser Inszenierung, von der Besetzung der kleineren Rollen über die Musikauswahl bis hin zu einem überzeugenden Hauptdarsteller.
„Stadtsreicher“ Ausgabe 06/2018

Aus der Traum

Premiere im Rückblick: Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ am Samstag im Chemnitzer Schauspielhaus – Carsten Knödler erzählt mit großartigen Schauspielern die Geschichte vom Platzen eines ganz und gar nicht nur amerikanischen Traums —
Ausgerechnet am 200. Geburtstag von Karl Marx steht gestern, Samstag,  in Chemnitz, dem ehemaligen Karl-Marx-Stadt, Arthur Millers Abrechnung mit dem amerikanischen Traum auf dem Spielplan. Aber Schauspieldirektor Carsten Knödler lässt sich nicht zu oberflächlicher Kapitalismus-Kritik verführen – er erzählt die bedrückende Geschichte des neuproletarischen Mittelständlers Willy Loman, der als „Low Man“ an sich selbst und seinen falschen Vorstellungen von einem Glück scheitert, das keines ist, weil die Gesellschaft diktiert , was Glück sei – und das Individuum im Regen stehen lässt.
Ein einziges Mal zeigt der Kapitalismus seine Fratze: Da schmeißt Howard Wagner (Wandlungswunder Dominik Puhl, mit Sonderbeifall für seine spätere Rolle als Kellner Stanley) den verdienten, aber unzeitgemäß gewordenen Vertreter und Kompagnon seines Alten Knall auf Fall raus. Tempora mutantur, die Zeiten ändern sich, und weh, wir nicht auch. Loman steht buchstäblich im Regen, der von draußen (per Video – sonst verzichtet Knödler auf Videos. Danke für diesen Beweis, dass Drama heute auch ohne geht!) ans Fenster klatscht. Nur eine Kleinigkeit, die sich erst da erschließt: Zu Beginn des Stücks kommen Willy Loman (Dirk Glodde) und seine Frau Linda (Katka Kurze) aus dem Sauwetter draußen klatschnass in ihre kleinbürgerliche Glückseligkeit des gar nicht trauten Heims – und während Linda die anmaßenden Protzschuhe (ein Vertreter hat ausgelatschte zu tragen) zum Trocknen entsorgt, hängt Loman seinem american dream nach, der längst ausgeträumt ist. Der Mann steht von Anfang an im Regen. Loser können nicht glücklich sein. In der amerikanischen Gesellschaft der Enddreißiger Jahre (was für eine Ironie: Miller erhielt für sein 1939 uraufgeführtes Stück den gesellschaftlich höchst angesehenen Pulitzer-Preis) bestimmt die Gesellschaft, wer des Glückes Schmied ist. Und das ist allemal der, er heute ein paar Dollars mehr schmiedet als gestern und morgen noch ein paar mehr macht, und sei es, dass er, möglicherweise schwarzer Underdog, seinen Umsatz als Kloputzer verdoppelt.

Nichts mit „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Der römische Konsul Appius Claudius Caecus, dem die Erfindung des Sprichworts von Sallust (zur Zeitenwende) in den Mund gelegt wurde, hat immerhin um die 300 vor Christus die Rechte der Unterschicht, der römischen Proletarier, ausgebaut, Sklaven (unerhört!) sogar wählen lassen. Wenn sie ihr Glück richtig schmiedeten, konnten sie sogar Senatoren werden.

Nichts mehr davon bei Miller und Knödler. Biff Loman, der Sohn, dem es einmal besser gehen soll, ist unfähig, dem Traum nach Glück nachzujagen, soviel Jobs in wieviel Staaten er auch versucht. Er hat seine „unveräußerlichen Rechte“ auf „Freiheit und Streben nach Glückseligkeit“ (wie sie in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung zu Verfassungsrang gelangten) längst aufgegeben. Martin Esser spielt diesen Loser, der es noch nicht einmal seinem Vater (von wegen der Gesellschaft) recht machen kann, weil der ihn enttäuscht hat, vom auf Vater-Pfiff gedrillten Jugendlichen bis hin zum denkenden Erwachsenen („ich bin dann mal lange weit weg“ aus dieser verlogenen Gesellschaft) mit großer Steigerungskraft. Die Abrechnung mit dem Vater, die auch seine erste Liebeserklärung ist, macht Esser bis zum weinenden Zusammenbruch zum großen Theater. Er hat’s für sich gepackt: Jetzt und hier bin ich Mensch… Aus der Traum. Aber ganz anders.

Sein Bruder Happy, der Hilfs-Assi vom Assi des Hilfs-Assistenten, schert sich einen Dreck um Träume. Er lebt, wie es ihm in den Strumpf passt. Konstantin Weber ist dieser quirlige Gegensatz, der sein Hirn, wenn‘s geht, gegenüber den Damen oder Dämchen, auf der Zunge und in der Hose trägt. Aus der Traum, auch für ihn. Er wird nie zur Gesellschaft gehören, sitzt bedröppelt an der Rampe, versteht nichts, aber auch gar nichts von dem, was Vater und Bruder umtreibt. A propos Rampe: das ebenso praktische wie sprechende Bühnenbild von Stefan Morgenstern trägt einiges zum Erfolg dieser Aufführung bei. Lässt die Bedrohung des kleinen 25-Jahre-abzutzahlenden Glücks durch Trumpsche Hochhäuser ahnen, lässt ganz normales Schlafengehen zur Herausforderung werden, hängt das unbequeme Sofa, das Loman den Schlaf raubt, überzwerch an die Wand und das Telefon, das Mutter Linda mit Mühe und Stöckeln in Überhöhe knapp erreichen kann, so hoch, dass es eigentlich nur schlechte Botschaften verkünden kann. Die Realität ist verquerer als jeder Traum.

In Dirk Glodde hat Carsten Knödler seinen idealen Loser Loman gefunden. Regisseur und Schauspieler müssen schon sehr aufeinander gepolt sein, dass eine solche Geschichte ohne lächerlich zu wirken, rüberkommt. Die Gefahr ist groß, dass der Zuschauer diesem Willy Loman einen Tritt geben will, dass der endlich in die Puschen des normalen Lebens kommt. Und dass er dadurch nur theatralisch affektiert und im schlimmsten Fall lächerlich wirkt. Glodde kann sich übergangslos in seine Träume gleiten lassen oder steigern – Knödler öffnet die Szene, bisschen Filmmusik unterlegt aber ohne viel Licht-Schnickschnack oder Traumvideos, Glodde-Loman kämpft sich den Frust von der Seele im längst verlorenen Duell mit dem Jungspundchef Wagner und kann sich furchtbar darüber aufregen, dass seine Frau Linda die Laufmaschen der Nylons aufzufangen versucht – spürbar das schlechte Gewissen,  weil er ihr keine neuen besorgen kann. Die hat er der Nylon-unersättlichen Frau aus Boston (Andrea Zwicky) geschenkt – haufenwiese. Vorn die maschenfangende Hausfrau, hinten das beinprotzende Nylonluder – Knödler schafft Bilder, die mehr sagen als tausend Worte.

Und seine Schwester, die für die Kostüme zuständig ist, setzt die passenden Tupfer: So einen bedrohlich spitzverführerischen BH wie sie ihn Andrea Zwicky verpasst hat, muss wohl auch Marilyn Monroe getragen haben, der Traum vieler Männer auf der ganzen Welt, den sich Arthur Miller 1956 verwirklichen konnte. Fünf Jahre später scheiterte die Ehe. Aus der Traum auch hier.

Mit besonderer Liebe und Sorgfalt behandelt Knödler den ach so vernünftigen und „normal“ dankenden Charley (Wolfgang Adam), den Ein-bisschen-Elvis-Verschnitt-Bruder Ben (Philipp Otto), der nur einmal aus dem Kühlschrank kommen muss, dann wissen wir, dass sich hier Traum-Szenerien abspielen, vor allem aber Katka Kurze, die Linda Loman. Sie weiß alles, spielt aber das rührende Hausfrauchen, als ob sie von nichts ne Ahnung hätte (auch die Frau des Kapitalisten Wagner folgt dem tradierten Gesellschafts-Schema: die Hausfrau und Mutter weiß nicht, was sie ins Mikrofon des Tonbands, des neuen Wunder-Tools ihres in einer ganz anderen Welt erfolgreichen Gatten, sprechen soll. – Wieder eine dieser „Kleinigkeiten“, die diese Inszenierung groß machen). Aber auch dieser liebenden, immer nach dem Glück der anderen suchenden Frau, platzt schließlich der Kragen: Stark, wie Katka Kurze – endlich, möchte man rufen – aus ihrer Rolle heraustritt („Ich bin nicht Euer Dienstmädchen“).

Knödler und seine Dramaturgin Kathrin Brune brauchen nicht Lindas Requiem-Resümee am Schluss, wie es eigentlich bei Arthur Miller steht. Und Willy Loman muss auch nicht bühnenwirksam mit seinem alten Chevy bühnenwirksam per Video gegen einen Brückenpfeiler knallen, um zu beweisen, dass er im Tod mehr wert ist, als im Leben. Durch die Versicherungssumme zumindest für die Angehörigen. Er steht am Schluss wie am Anfang allein auf der Bühne. Aus der Traum.

Er hat keinen Gott, der ihm helfen könnte wie Tevje (aus „Anatevka“), der doch nichts anderes will, als Loman: „Wen ich einmal reich wär‘“. Und der ganz ohne american dream, aber mit Gottvertrauen, durchs Leben geht. Arthur Miller war bekennender Atheist.

Großer Abend. Viel (warmer und dankbarer) Beifall für das Leitungsteam und die Akteure auf und hinter der Bühne im voll besetzten Schauspielhaus.

Förderverein Chemnitz