Patchwork

Uraufführung

Staatsoper Wien / Agrana Studiobühne

Jahr: 2017

Regie: Silvia Armbruster

Bühne u. Kostüme: Stefan Morgenstern

Musik: Tristan Schulze

Libretto: Johanna von der Deken

Musikalisch Leitung: Witolf Werner

 „Patchwork“ von Tristan Schulze erweist sich als Kinderoper allererster Güte

Besser kann man sich gar nicht in Erinnerung rufen

Ein Kind, das „Patchwork“ von Tristan Schulze miterleben kann, hat es gut.
(…) Mit der Kinder­oper „Patchwork“, die auch medial mit Sicherheit weite Kreise ziehen wird, hat er sich nun jedenfalls furios in Erinnerung gerufen. Die Wiener Staatsoper hat das Werk am Sonntagnachmittag präsentiert. Alles bestens, vertan hat man sich an sich nur bei der Wahl des Ortes. Die unweit vom Stammhaus am Ring befindliche Studiobühne in der Walfischgasse bietet wahrlich kein ideales Ambiente. Die große Bühne, wo vor gut einem Jahr die Kinderoper „Fatima“ der Bregenzerin Johanna Doderer uraufgeführt wurde, ist für „Patchwork“ zwar nicht geeignet, aber ein Raum, in dem die in zwei Gruppen aufgeteilten Orchestermusiker und die Zuschauer nicht derart dicht gedrängt beeinander sitzen, bzw. der dem Werk gerecht wird, müsste es doch geben.
Schulzes Komposition will man genießen, äußerst fähig in der Ausschöpfung kleinster Details verknüpft er Liedhaftes, neue Musik, expressive Klangbögen, Jazz und ein wenig Brass – dem Titel entsprechend – zu einem dichten Muster. Dabei auch noch berücksichtigt zu haben, dass die Kinderrollen von Auszubildenden der Wiener Opernschule übernommen werden können, zeichnet das Werk zudem aus.
Wenn die großartige Mezzosopranistin Stephanie Houtzeel als Mutter Vera sowie der Bariton Clemens Unterreiner als Nachbar Niko loslegen, stellt sich zwar ein Kontrast zu den nicht durchwegs wortdeutlich singenden Kindern ein, der Eindruck legt sich aber und ist wahrscheinlich auch der ungünstigen Raumakustik geschuldet, denn die Leistungen der jungen Akteure im Zusammenspiel mit den Musikern verlangen zunehmend Respekt und führen schließlich zu Begeisterung.

Christa Dietrich / Vorarlbergern Nachrichten

„Patchwork“: Farbenfroher Fleckerlteppich der Familien

Kinderoper von Tristan Schulze und Johanna von der Deken auf der Studiobühne der Staatsoper

(…) Tristan Schulze (Musik) und Johanna von der Deken (Libretto) erzählen in der Kinderoper Patchwork vom Alltag zweier Alleinerziehender, die am Ende – Oper soll immer das Utopische wagen! – samt Anhang wieder zu liebreizender Zweisamkeit finden.

Der Wirbelsturm
Musik und Textbuch gehen gleich vom ersten Takt/Satz an in medias res, man sieht Stephanie Houtzeel als arg schlafdefizitäre Dreifachmami Vera im Zentrum eines Wirbelsturms namens Familie. Das Leben von Tochter Toni (Laetitia Pacher) ist noch ganz von Lillifee und der Farbe Lila dominiert, während Lea (großartig: Allegra Pacher) schon in die Phase des gelangweilten Girls eingetreten ist. Tim (Victor Munteanu) interessiert sich vorrangig für seinen Robosapien. In die Wohnung nebenan zieht Architekt Niko (schön: Clemens Unterreiner) mit seinem Sohn Joshua (cool: Raphael Reiter) ein. Nach einem suboptimalen Erstkontakt kommen sich Vera und Niko immer näher, und auch die Kinder freunden sich an. Wieso also nicht Mauern niederreißen und aus zwei kleinen Familienwohnungen wieder eine große machen?

Wenn man Johanna von der Dekens detailgenaue Beschreibungen des Aufmerksamkeitskampfplatzes Familie miterlebt, muss man sagen: Die Frau kennt sich aus. Und auch zum Thema mütterliches Multitasking im komplexen Tätigkeitsfeld des Familienmanagements braucht man ihr nichts zu erzählen. Der Handlungsgang des Textbuchs spult sich in einem quirligen Allegro vivace ab; in einer Stunde sind nicht nur Nikolaus, Weihnachten und Silvester absolviert, sondern auch ist die Vereinigung der zwei Rumpffamilien über die Studiobühne gebracht worden. –

Auf musikalischem Gebiet beweist sich Schulze als Alleskenner und Alleskönner: In Sekundenschnelle switcht er von Walzerseligkeit zu Jazz, von Händel zu Volksmusik. Der Triology-Gründer nimmt das Tempo des Librettos auf und surft lustvoll durch Stile. Es ist ein Vergnügen, dieser Musik zuzuhören. Ein kleines Manko der Produktion: Wenn das hinter dem Publikum platzierte Orchester (Leitung: Witolf Werner) spielt, hört man die Kinder mitunter nur schlecht singen, wenn das kleine Quartett neben der Bühne musiziert, ist es besser.

Schade nur, dass Regisseurin Silvia Armbruster die beiden Erwachsenen zu sitcomhafter Schrillheit animiert: Speziell Stephanie Houtzeels Überdrehtheit und ihre Pippi-Langstrumpf-Ringelstrümpfe (Ausstattung: Stefan Morgenstern) wollen nicht zur Situation einer Dreifachmutter in den besten Jahren passen. Hier wäre mehr Realitätsnähe wohltuender gewesen. Zum Schluss gibt es noch den großen Patchwork-Song und Friede, Freude, Eierkuchen.

Stefan Ender / der Standard.at 2017