Madame Bovary

Nach dem Roman Gustave Flaubert von Wolfgang Seidenberg

Theater Kempten

Jahr: 2017

Regie: Theater Wahlverwandte

Bühne u. Kostüme: Stefan Morgenstern

Dramaturgie: Wolfgang Seidenberg

Künstlerische Gesamtleitung: Silvia Armbruster

Foto: Mark Noormann

Wenn das Leben nicht so will, wie es soll

Tragikomische Inszenierung von „Madame Bovary“ begeistert Publikum.

„…Lisa Wildmann spielt alle Facetten einer Frau aus, die getrieben ist von dem Wunsch, die Wirklichkeit ihren Vorstellungen anzupassen. Mal überdreht, schwärmerisch, obsessiv, mal depressiv und wütend, wenn das Leben gar so normal verlaufen will. …“
„…Ursula Berlinghof besticht in den Rollen als Apotheker Homais und Charles Mutter.
Die Bühnenbild-Wand mit drehbaren Elementen sorgt für effektvolle Auftritte und Abgänge. …“

Lindauer Zeitung, 23.03.2017

Lisa Wildmann fasziniert als Madame Bovary. Als Dorf-Don-Juan Rodolphe erscheint Hans Piesbergen mit einer fast dämonisch anmutenden Aura in dem Zusammenspiel zwischen Liebe, Macht und Unterdrückung.

Augsburger Allgemeine 28.03.2017

Die Fassung enthält Humoresken, Rauschhaftes und Obsessionen. Sie zeigt das tragische Leben einer Verirrten. Zurück bleiben diejenigen, die ihre Träume hinter dem Drama der Bovary zu verstecken und ihre Rollen geschickt zu wechseln wissen. Doch die Drehtür des Lebens erwartet auch sie.

Der Landarzt Charles Bovary ist mit Christian Kaiser ideal besetzt. Die Einfalt und Verführbarkeit dieses Mannes ist verblüffend lebensnah dargestellt.

Badische Zeitung, 01.04.2017

Die Wahrheit ist komisch

„Theater Wahlverwandte“ schaffte es, … die wesentlichen Schlüsselszenen in vielschichtige, ästhetisch überzeugende, aber knappe Tableaus zu übertragen. Viele Szenen wurden mit großer bildlicher Eindrücklichkeit in pantomimischer, tänzerischer, auch grotesker Verknappung dargestellt. Das „Theater Wahlverwandte“ zeigte wieder einmal mehr, welch eine eindrucksvolle, kompakte, intelligente und dennoch sinnlich präsente Aufführung aus geschickter Reduzierung und hoher Schauspielkunst entstehen kann.

Sebastian Strehler gab den jungen Léon sehr wendig, auch mit schöner Singstimme überzeugend, in seiner drängenden Liebe zur schönen Arztgattin und nach seinem Studium als gereiften, immer routinierter werdenden Ehebrecher.

Main-Post, 03.04.2017

Die Inszenierung des Theaters Wahlverwandte bringt komische Momente ebenso gekonnt auf die Bühne wie das Tragische im Leben der Madame Bovary. Dem Theater Wahlverwandte gelingt es, einen Klassiker der Weltliteratur in eine ebenso zeitgemäße wie auch unterhaltsame Theaterfassung zu übersetzen, die vom Mindener Publikum mit nachhaltigem Applaus honoriert wird.

Mindener Tageblatt, 02.05.2017

Eine furiose und packende Inszenierung … In einem spielfreudigen Ensemble glänzte Lisa Wildmann in der Rolle der Emma Bovary, die ausbrechen möchte aus einer tristen Ehe und einem faden Provinzleben – und dabei zugrunde geht.

Wolfgang Seidenberg hat Flauberts Roman genial verdichtet, Stefan Morgenstern ein raffiniertes Bühnenbild geschaffen.

Allgäuer Zeitung, 17.03.2017

„Madame Bovary“ will leben

… eine dichte und saftig strukturierte Aufführung … exzellente Kunstfertigkeit des Ensembles (allen Voran Lisa Wildmann) …

Peiner Allgemeine, 16.12.2017

Von tragisch bis komisch, aber nie flach

„… Mit „Madame Bovary“ fasziniert das Theater Wahlverwandtschaften aus Kempten im Neuburger Stadttheater. Ein starkes Stück, dessen Romanvorlage einen Skandal auslöste und Autor Gustave Flaubert vor Gericht brachte.
Der Skandal hält sich aus heutiger Sicht in Grenzen, was der ungeheuer intensiven Inszenierung von  Wolfgang Seidenberg  und  Silvia Armbruster  jedoch überhaupt keinen Abbruch tut. Denn die Charaktere sind zeitlos. Seidenberg zeichnet weniger das Sittengemälde einer angestaubten französischen Kleinstadt des 19. Jahrhunderts als vielmehr eine Charakterstudie.
Emma Bovary wäre jede Großstadt ebenso zu eng, denn die exaltierte, um nicht zu sagen neurotische junge Frau leidet nicht primär unter der engstirnigen Schwiegermutter, ihrem langweiligen, mehr als naiven Ehemann und der sittenstrengen Gesellschaft, sondern schlicht an ihren eigenen Fantasievorstellungen. Sie lebt realitätsverweigernd in ihrer eigenen Welt, fordert alles vom Leben und ihren Mitmenschen, ist aber nicht bereit, selber etwas dafür zu geben – von ihrem Körper mal abgesehen.  Lisa Wildmann  ist eine großartige Madame Bovary, steigert sich effektvoll in die immer überspanntere Arztgattin hinein, die heute mit Sicherheit ein Fall für den Psychiater und Neuropharmaka wäre. Damals aber standen Arzt, Pfarrer, Apotheker und Liebhaber dieser geballten, in ihre eigene Welt eingesponnenen Leidenschaft hilflos gegenüber. Geschäftsleute und Liebhaber nutzen die junge Frau und ihren leichtgläubigen Ehemann aus. Am Ende stehen gar Verschuldung und Tod.
So tragisch die Handlung auch ist – diese „Madame Bovary“ hat auch jede Menge komische Momente. Erstaunlicherweise flacht die Geschichte dadurch nicht ab. Im Gegenteil, es scheint, als schärfe sich dadurch der Blick nur umso mehr für die Abgründe der menschlichen Seele sowie ihre Dramatik und schafft zudem eine wohltuende Distanz zu den Figuren mit ihrem Leid.
Christian Kaiser überzeugt in der Rolle des schwachen Gatten, der auf seine Weise ebenso realitätsverweigernd lebt wie Emma und so – blind gegenüber ihren Eskapaden – ungewollt zum Verhängnis beiträgt. „Die Ehe ist eine Prüfung“, mehr fällt dem Abbé nicht ein, als Emma zur Beichte kommt. So aalglatt wie der Priester sind auch die anderen Figuren, die  Hans Piesbergen  spielt. Da ist vor allem Rodolphe, der das Klischee des Liebhabers par excellence bedient, Emma als leicht zu haben einstuft und schon vor ihrer Eroberung darüber nachdenkt: „Wie wird man sie hinterher wieder los?“ Deutlich sympathischer kommt  Sebastian Strehler  – beeindruckend auch dessen klangschöne Singstimme – als Jurastudent Léon rüber, der Emma in romantischer Seelenverwandtschaft verbunden ist, dabei aber die Grenze zur Obsession keineswegs überschreitet. Beide Darsteller schlüpfen in weitere Nebenrollen, was stets anhand von Perücken, reduzierten Kostümen und Attitüde klar erkennbar ist. Den Vogel schießt hier  Ursula Berlinghof  ab, die mal als hagere Maman Bovary mit zusammengepressten Lippen ihre Missbilligung der Schwiegertochter ausdrückt, dann wieder kugelrund ausgestopft als schwer von sich selbst überzeugter Apotheker Homais auf alles eine Antwort zu haben glaubt.
Neben den furios agierenden Schauspielern und dem wahnsinnigen Drive der ironisch bis grotesken Inszenierung trägt auch das schlichte, aber raffinierte Bühnenbild (Stefan Morgenstern) zur Faszination des Stücks bei. Weiße, um ihre eigene Mittelachse drehbare Tafeln werden mal zum Bett, mal öffnen sie die Tür zur Welt, mal engen sie auch ein oder lassen die Figuren wie Gefangene im Kreis laufen.     Immer wieder holt der begeisterte Applaus des Neuburger Publikums die Akteure am Ende zurück auf die Bühne – absolut verdient, denn das war hohe Schauspielkunst, was die fünf Ensemblemitglieder gut zwei Stunden lang gezeigt haben.

Andrea Hammel, Donaukurier, 22.12.2017