Ein Waldspaziergang

von Lee Blessing

Forum Theater Stuttgart

Jahr: 2020

Regie: Dieter Nelle

Bühne u. Kostüme: Stefan Morgenstern

Foto: Sabine Heymann

„Ein Waldspaziergang“ im Forum-Theater
Wortgefechte um des Friedens willen

Der Russe, der Amerikaner, die Abrüstung und das Prinzip Hoffnung: Dieter Nelle bringt das spannende Konversationsstück „Ein Waldspaziergang“ ins Stuttgarter Forum-Theater.
Stuttgart – Ein Baumstamm, ein Mülleimer, eine Holzbank. Lange Säulen hängen von der Decke und enden kurz vorm Boden, als wollten, aber könnten sie ihn nicht erreichen. Aus dem Off tönt eine politische Rede, dann Jodeln. Das Setting ist ein Wald am Genfer See, Anfang der achtziger Jahre, Kalter Krieg. Zwei Männer im Anzug treffen sich im Spätsommer, der russische Unterhändler Botwinnik und sein US-amerikanischer Kollege Honeyman, die in Abrüstungsverhandlungen stehen. Es geht um nichts weniger als die Zukunft des Planeten. Jenseits des runden Tisches wollen sie zu einer Lösung kommen: Wo ginge das besser als in der Natur? Frische Luft, Blick auf die Berge, raus aus dem stickigen Verhandlungszimmer. Wer wird seine Position verlassen? Und was hat Willie Nelson damit zu tun?
„Ein Waldspaziergang“, das Zwei-Personenstück des US-amerikanischen Dramatikers Lee Blessing aus dem Jahr 1987, hat am Donnerstag unter langem Applaus im Stuttgarter Forum-Theater seine Premiere gefeiert. „Nachdem Trump 2019 die Abrüstungsverträge mit Russland aufgekündigt hat, ist das Stück wieder unglaublich aktuell“, sagt Elke Woitinas, die Intendantin des Hauses. Der Regisseur Dieter Nelle zeigt darin, wie schmal der Grat zwischen politischer Freundschaft und Feindschaft sein kann. Das Stück beruht auf dem wahren Treffen der Nato-Unterhändler Paul H. Nitze und Julij Kwizinskij 1982, die damals den Kompromiss aushandelten, auf beiden Seiten ihr Arsenal an taktischen Atomwaffen auf 75 Stück zu beschränken, was jedoch nie zustande kam.
Willie Nelson als Brückenbauer
„Lass uns Freunde sein“, sagt Botwinnik, eloquent und listig gespielt von Udo Rau. „Freunde? Wir sind nicht hier, um Freundschaft zu schließen“, entgegnet Stefan Müller-Doriat alias Honeyman aufbrausend. Nelle zeigt, wie eine Politik der Verhandlung zwischen Freunden Feindschaft überwindet. Eine Utopie?
„Ein Waldspaziergang“ ist rasant und spannend. Voller Humor und bitterer Ernsthaftigkeit liefern sich die Männer ein hitziges Wortgefecht. Der Mensch habe die Macht zur totalen Zerstörung – oder zur Bewahrung des Friedens. Dahinter steht das Prinzip Hoffnung, so die Botschaft. „Nervenkitzel“ nennt Botwinnik das. Und Willie Nelson? Beide Männer mögen den Countrysänger, und so stehen sie einmal da und singen: „Blue Eyes crying in the Rain, when we kissed Goodbye and parted, I knew we’d never meet again“.

Von Swantje Kubillus 14. Februar 2020 Stuttgarter Zeitung

Zuschauer Kommentare

Lieber Herr Nelle,
wie schnell holt einen diese spannende Schauspiel ein, waren meine ersten Gedanken, die mich an die Demos auf der Heilbronner Waldheide gegen die Stationierung der Pershing-Raketen erinnerten…
Gleich einen nächtlichen Gruß nach der kurzweiligen und spannenden Inszenierung, und ich kann nur sagen: Großes Kompliment! Ein Thema, das heute aktueller denn je scheint und Ratlosigkeit hinterläßt – jedenfalls bei mir.
Ihre Personenführung sehr einfallsreich gelöst. Das Bühnenbild kongenial und von den beiden Darstellern, Stefan Müller-Doriat und Udo Rau, überzeugend umgesetzt. So liebe ich Theater: Hautnahes Schauspiel in vielen Facetten, die aufblitzen durften. Ein Schauspiel, das zum Nachdenken anregt und das Gefühl hinterläßt, Großartiges erlebt zu haben.
Meine Komplimente dürfen Sie gerne an die Beteiligten weiterreichen! Ist sage jetzt nur noch „bravi“! So, und jetzt müssen wir schnell etwas trinken, damit wir nicht verdursten…
Herzlichst
Peter A. Schur

 

Lieber Stefan

es war ein spannendes und hochaktuelles Theaterstück ohne großes Brimborium, ein wunderbarer Abend.
Nochmals herzlichen Dank für die Einladung und die Freikarte, da konnte ich ja dann locker auch was für die Aufforstung in Afrika tun.
Für meinen nächsten Waldspaziergang habe ich jedenfalls interessante Denkanstöße bekommen.
mit herzlichen Grüßen
Peter Halmburger

 

privat Zuschriften

EIN WALDSPAZIERGANG ist für den Monica Bleibtreu Preis nominiert und startet bei den 9. Privattheatertagen in Hamburg in der Kategorie (Zeitgenössisches) Drama.

Die Begründung der reisenden Jury über EIN WALDSPAZIERGANG lautet wie folgt:

“EIN WALDSPAZIERGANG ist eine ungewöhnlich genaue und subtile Aufführung des erfolgreichen Stückes von Lee Blessing von 1987, das eine Reihe von informellen Gesprächen zwischen dem russischen und dem amerikanischen Unterhändler bei den Genfer Abrüstungsverhandlungen zeigt. In einem fast japanischen anmutenden minimalistischen Bühnenbild spielen Stefan Müller und Udo Rau die beiden Diplomaten überzeugend realistisch mit witzigen performativen Szenen Übergängen, inszeniert von Dieter Nelle. Gefangen in den Zwängen ihrer jeweiligen Administration und loyal zu deren Strategien, versuchen der Amerikaner und der Russe dennoch eine persönliche Verbindung aufzubauen, um die scheinbar ergebnislosen Verhandlungen voranzubringen. Eine überraschende Wiederbegegnung mit einem Stück aus den letzten Jahren des kalten Krieges, das in unserer desinformierten Zeit mit Trump und Putin den Blick auf wesentliche Fragen lenkt. Eine mutige, anspruchsvolle Produktion des Forum Theaters Stuttgart. Niklaus Helbling”