Ein Picasso

Altes Schauspiel Stuttgart

Jahr: 2016

Regie: Silvia Armbruster

Bühne u. Kostüme: Stefan Morgenstern

Foto: Jürgen Frahm

„Ein Picasso“ im Alten Schauspielhaus Kunst trifft auf Kleingeistigkeit

Das Schauspiel „Ein Picasso“ erweist sich als tiefgreifende Debatte um Kunst und Moral. Die Darsteller Max Tidof und Lisa Wildmann verhelfen der langatmigen Inszenierung zu Leichtigkeit

Stuttgart – Vom Fußboden leckt das Wasser an den Holzstühlen, die Fenster sind dreckverschmiert, die Einrichtung schäbig. Das also ist der Ort für freie Kunst – ein Kellerloch, eine Baracke, ein abschätziges Anti-Museum. Die Zeit, in der man sich als ambitionierter Künstler noch gegen die geistige Enge ehrfürchtig stillschweigender Galerien auflehnen konnte, ist in Jeffery Hatchers „Ein Picasso“, das am Freitag im Alten Schauspielhaus seine Premiere feierte, vorbei. Angesichts des Dreckslochs, in das die nationalsozialistische Zerstörungswut die Künstler verbannt, erscheinen die Korridore der versnobten Kunstwelt geradezu verlockend. Auch Pablo Picasso steht während des Zweiten Weltkriegs auf der roten Liste der großdeutschen Kunstkritiker. Entartet, pervers, pornografisch seien seine Werke. Nichts als wert- und werteloses Gekritzel. Folglich muss er natürlich ein Staatsfeind sein, und Staatsfeinde gehören eingesperrt.
System verschlingt Kunst – zumindest im Nationalsozialismus wurde bekanntermaßen erbarmungslos niedergemäht, was nicht ins arische Weltbild passte. „Ein Picasso“ treibt diese Dialektik zwischen freier Kunst und unfreiem System auf der Bühne markant auf die Spitze. Doch statt dabei komplizierte Standpunkte zu wälzen, lässt die Regisseurin Silvia Armbruster beide in einem Kammerspiel aufeinandertreffen: Auf der einen Seite eine linientreue Vertreterin der deutschen Ordnung, die in Paris einige Picasso-Gemälde verifizieren lassen soll – natürlich, um sie anschließend als entartete Kunst verbrennen zu lassen. Auf der anderen der große Künstler höchstpersönlich: Pablo Picasso trifft auf die Inkarnation der nationalsozialistischen Kleingeistigkeit, seine Freiheitsvision auf die Zwänge einer repressiven Diktatur, die Kunst auf das System, das sie einsperrt.

Dass diese Konfrontation nicht schwerfällig und verkopft daherkommt, liegt vor allem an den beiden Hauptdarstellern, die der vergleichsweise langatmigen Inszenierung zur nötigen Leichtigkeit verhelfen. Während Lisa Wildmann als brüskes Fräulein Fischer pointiert die innere Zerrissenheit ihrer Figur nach außen trägt, setzt Max Tidof mit seinem selbst im Kummer noch leichtfüßigen Picasso einen gelungenen Kontrapunkt. Das Wortduell zwischen beiden wird so zu einem Schlagabtausch, der die Figuren nach und nach aufbricht, ohne je einen klaren Sieger zu finden. Gut und Böse verschwimmt hinter den scharfzüngigen Dominanzspielchen auf der Bühne; mal dekonstruiert sich das Selbstbild des einen, mal das des anderen. Und so wird aus der konventionell-vorhersehbaren Inszenierung eine tiefgreifende Debatte um Kunst und Moral, die sich im Zusammenspiel zwischen Picasso und seiner Kontrahentin geschickt als unterhaltsame Persönlichkeitsstudie tarnt.

Von Sabine Fischer / Stuttgarter Nachrichten